Neue digitale Räume schaffen: Zeit für einen 'salon vert digital'?

By
hilke
May 16, 2026

In 2019 lud Claude Bühler mich ein auf einem alten Bauernhof im Appenzell, wo sie derzeit wohnte, für einen Art von 'Sound-Jam'. Sie war bis dahin vor allem als Fotograf*in unterwegs gewesen und hatte ein neues Interesse in Modular Synths and Sound Arts entwickelt. Sie wollte sich mit Leuten vernetzen, die sich spielerisch gegenseitig inspirieren lassen wollten. Im improvisierten Home-Studio lag ein grüner Teppich am Boden: der 'Salon Vert' war geboren.

Im Sommer 2020 entpuppten diese spontane Improvisations-Sessions sich zu einer "offiziellen" Residenz im Frauenpavillon im Sankt-Galler Stadtpark. Unter dem Namen discours féministes trafen sich FINTA-Kunstschaffenden, die sich mit Sound und Wort austauschten über zeitgenössischen Feminismus und popkulturelle Phänomene. Aus dieser Residenz entstand ein Netzwerk und ein Verein das sich dafür einsetzt neue Orten und Vernetzungsmöglichkeiten zu schaffen für unterrepräsentierte Gruppen im Musik- und Kunstbereich, vor allem für FINTA (Frauen, intergeschlechtliche, non-binäre, trans und agender Menschen). Darauf folgte in 2022 und 2023 der ambitiösere 'salon vert voyage': das Konzept der queer-feministischen Residenzen breitete sich von der Ostschweiz weiter aus in die ganze Deutschschweiz. Sieben Kurator*innen luden in verschiedenen Städten eine Gruppe Künstler*innen ein für Austausch und kreative Zusammenarbeit.

Es hat sich während der letzten Jahren etwas für die Solidarität zwischen und die Sichtbarkeit von FINTA-Künstler*innen getan, auf, neben und hinter den Schweizer Bühnen. Während die 'analoge' Räume sich geöffnet haben - oder wir neue Räume für uns selbst geschaffen haben - wurde es für mich das letzte Jahr immer mehr deutlich dass der Backlash des Patriarchats sich im digitalen Raum mehr dan je verschärft hat. Die Wiederwahl von Trump hat mir vor Augen geführt dass die "Tech Bros" Musk und Zuckerberg sich schamlos auf die Seite des antifeministischen Autoritarismus und Faschismus stellen. Bei mir als trans Person schlugen die Alarmglocken, und mit einem Hintergrund als Softwareentwicklerin erforschte ich die Alternativen für Instagram & Co. Ich stiess auf eine neue Community von Programmierer*innen und Tüftler*innen die Technologie auf einer ethischen Art gestallten möchten, basiert auf Werten wie Vertrauen, gegenseitigem Respekt, menschlicher Agency und ökologischem Bewusstsein.

Gleichzeitig nehme ich eine Defragmentation wahr in meiner lokalen Musik-Community. Wir haben eine gespaltene Haltung Instagram gegenüber entwickelt ("ist Scheisse, aber dort ist irgendwie noch immer mein Zielpublikum"), wir ziehen uns zurück in die Nostalgie alter Formaten wie Email-Newsletters und Bandcamp-Downloads, abgeschmeckt mit Versuchen eine Patreon- oder Fanklub-Community auf zu bauen. Zurecht werden Vernetzung und Treffen "im echten Leben" wieder viel wichtiger eingeschätzt, aber wir verlieren immer mehr den Überblick in Dutzenden Telegram-Chats, und müssen uns verlassen auf zufällige uns-kennt-uns-Einladungen, als ob wir wieder in den Neunzigerjahren leben. Ich vermisse einen online Ort, wo ich 'meine Szene' spüren kann, wo ich vielleicht etwa 50 oder 100 Bands oder Künstler*innen im Blickfeld habe, und nicht nur die fünf oder zehn die der Instagram-Algorithmus mir immer wieder ausspielt. Mein Mailbox sollte für mich vor allem ein Arbeitsinstrument bleiben, und ich kann mir vielleicht auf etwa zehn Newsletters von meinen Lieblingsbands abonnieren, aber nicht viel mehr ohne dass mein Arbeitsabläufe in ein Chaos zusammen platzen. Messaging-Apps eigenen sich für schnelle praktische Termine mit meinen engsten Freund*innen, aber sind meiner Meinung nach überhaupt nicht gemacht für Broadcasting von kulturellen Veranstaltungen.

Ich versuchte die letzte Monaten alle zu überzeugen ein Bluesky-Account zu erstellen oder vielleicht mal Flashes aus zu probieren: "Es sieht ein bisschen aus wie Instagram, aber du kannst selbst besser entscheiden was du zu sehen bekommst, das alles ohne dass du die Hosentaschen der Milliardäre füllst," sagte ich immer wieder. In März war ich dann für eine Monat in Vancouver, als Auftakt zur Atmosphere Conf, dem Ort wo sich die vorher erwähnte sozial engagierte "Techies" trafen. Ich hatte endlich auch mal Zeit selbst etwas zu programmieren und einen Vorschlag zu machen wie Musikstreaming aussehen könnte in diesem technischen Ökosystem von "atproto", wo Machtverhältnisse durch der infrastruktureller Philosophie demokratischer gestaltet werden können. Die Talks an der Konferenz inspirierten mich meinen Diskurs über Social-Media-Alternativen in eine neue Richtung zu lenken. Wir sollen Kunstschaffende vielleicht nicht unbedingt überzeugen ein Konto zu erstellen auf Apps wie Bluesky, die nur so halbe ihren Bedürfnisse entsprechen. Wir haben mit dem offenen atproto-Protokoll und der Hilfe von "agentic coding" die Möglichkeit selbst, zusammen mit unserer Community, neue soziale Apps zu gestalten. Rudy Fraser von Blacksky erklärte wie er als Programmierer auswärts auf die schwarze Community zuging, "grounding with his siblings", und mit einem kleinen Team, geprägt von der "mutual aid"-Philosophie, die soziale Tools baut die seine Community braucht. "Conceptual artist and tech worker" Dame zeigte mit anisota.net dass eine Micro-Blogging-App ganz anders aussehen kann: spielerisch und weird, beruhigend anstatt süchtig machend.

Ich möchte für die kunstschaffende Community auch im Digitalen neue Räume schaffen, weg vom Diktat der Big-Tech-Broligarchie. Räume die, wie der Salon Vert, queerfeministisch gestaltet werden können, mit flachen Hierarchien, bunten Identitäten und gegenseitigem Respekt. Vielleicht ist es Zeit für ein neues ambitiöses Projekt, den "salon vert digital"?

Ich glaube daran dass diese digitale Räume wichtig sind, um in Kontakt zu bleiben, als Gleitmittel zwischen den Treffmomenten, und als niederschwelliger Zugang für wen den Weg zur Community noch nicht gefunden hat. Ich glaub daran dass wir zusammen neue digitale Räume während analogen Residenzen gestallten können, wir zusammen brainstormen können wie eine queerfeministische App für unsere Kunst-affine Community aussehen kann.

Ich träume von einer App, die zwei Geschwindigkeiten anbietet, zwei "Tabs" am Puls des künstlerischen Schaffens. Der erste Tab könnte "keeping up" heissen, und der zweite "slowing down", oder jeweils "familiar" und "surprising".

"Keeping up" ist eher was uns vertraut ist von Instagram und co, der Ort wo ich meine Szene spüren kann, ziemlich schnelllebig, mit kurzen Updates, Konzertankündigungen oder neue Releases, Snapshots und Behind-The-Scenes. "Slowing down" ist der Tab wo ich mich vertiefen kann, länger in etwas eintauchen und Inspiration finden kann, überraschend, abenteuerlich oder zum Nachdenken anregend. Es ist vergleichbar mit einer Ausstellung, oder einem Zine, von der Persönlichkeit einer Künstler*in oder Kunstkollektiv geprägt, etwa die Idee einer "Artist in App Residency". Es könnte immer wieder der Ausdruck sein einer Salon-Vert-Residenz, wo Kunstschaffende soziale Verbundenheit neu denken, die ausgetretenen Pfade verlassen und verrückte Wegen aufsuchen können.

Ich träume von einer neuen Reihe Salon-Vert-Residenzen, wo ich selbst mit Software-Code die bunte Ideen meiner Community unterstützen kann.